Phantombesitz, Faschisierung und Finanzmärkte: Wem „gehört“ was? | Eva von Redecker
In diesem Video geht es um Phantombesitz. Einen Begriff der die Philosophin Eva von Redecker prägte mit dem sie den neuen Faschismus und rechte Verlustfantasien analysiert. Ich spreche darüber, wie Menschen Dinge mit maximaler Härte verteidigen, die ihnen juristisch gar nicht gehören: „unser Land“, „unsere Frauen“, „unsere Kultur“, „unsere Autos“, „unsere Lebensweise“. Ich verbinde Redeckers Faschismus‑Analyse mit marxistischer Eigentumskritik, feministischen und queer‑feministischen Perspektiven, einem kurzen Exkurs zu Leerverkäufen an den Finanzmärkten und aktuellen Beispielen aus deutscher Politik: AfD‑Diskurs, antifeministische Kampagnen, Debatten um Geflüchtete und Klimapolitik. Phantombesitz beschreibt dabei Besitzansprüche auf Menschen, Territorien und Ordnungen, die nie legitim „uns“ gehört haben und trotzdem mit enormer Härte verteidigt werden. Wenn wir verstehen wollen, warum der Rechtsruck so aggressiv ist, müssen wir die Eigentumslogik dahinter ernst nehmen.
WICHTIG: Ich lege euch wirklich ans Herz, die Bücher von Eva von Redecker selbst zu lesen, vor allem „Dieser Drang nach Härte“ und „Revolution für das Leben“. Da steckt viel mehr drin, als ich hier in einem Video anreißen kann.
Fachbegriffe kurz erklärt
Phantombesitz Von Eva von Redecker geprägter Begriff: gefühlter Besitzanspruch auf etwas, das einem real nicht gehört oder nie legitim gehört hat z.B. „unser Land“, „unsere Frauen“, „unsere Kultur“. Funktioniert ähnlich wie Phantomschmerz, nur politisch.
Neuer Faschismus / Faschisierung Bezeichnet heutige autoritäre, nationalistische, rassistische und antifeministische Entwicklungen, die oft noch innerhalb formaler Demokratien stattfinden. Faschisierung meint den Prozess, in dem sich Politik, Staat und Gesellschaft in diese Richtung verschieben.
Vergesellschaftung Überführung von zentralen Produktionsmitteln und Infrastrukturen (z.B. Wohnraum, Energie, große Konzerne) aus privatem Eigentum in gesellschaftliche, demokratische Kontrolle. Es geht darum, kollektive Verfügung statt Privatprofit zu organisieren.
Care‑Arbeit Sorge‑ und Reproduktionsarbeit: pflegen, putzen, kochen, Kinder großziehen, emotionale Arbeit, Organisieren des Alltags. Historisch stark feminisiert, oft unsichtbar gemacht und schlecht oder gar nicht bezahlt.
Leerverkauf Finanzgeschäft, bei dem Wertpapiere verkauft werden, die man (noch) nicht besitzt. Beim gedeckten Leerverkauf leiht man sich Aktien, verkauft sie und hofft, sie später günstiger zurückkaufen zu können, um an fallenden Kursen zu verdienen. Beim ungedeckten Leerverkauf werden sogar Papiere verkauft, die weder besessen noch geliehen wurden; solche Geschäfte sind heute stark reguliert, weil sie Märkte destabilisieren können.
Weiterführende Literatur / Empfehlungen
Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Neuer Faschismus und die Logik des Eigentums. S. Fischer Verlag. Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. S. Fischer Verlag. Silvia Federici: Caliban and the Witch. Women, the Body and Primitive Accumulation. Autonomedia. Nancy Fraser / Rahel Jaeggi: Kapitalismus. Ein Gespräch über kritische Theorie. Suhrkamp. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in Das Kapital. Schmetterling Verlag.
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